Miss Ellies letzter Tag vor der Schlachtung

Kaum zu glauben, aber es sind nun tatsächlich schon fast zwei Jahre, dass ich die Idee hatte, eine Patenschaft für ein Schwein zu übernehmen. Heute ist Miss Ellies letzter Tag und morgen früh – nach fünfzehn Monaten werden wir nun ins Schlachthaus gehen. Im Video gibt’s noch ein paar Infos und Gedanken, bevor wir dann morgen früh um halb sieben losfahren.

Gedanken zur Schlachtung und zum Schlachtfest

Ein Gastbeitrag von Judith Wohlfarth, auf deren Hofgut Silva mein Schwein lebt und die mir Mein Schwein und ich ermöglicht.


Die Schlachtung

Viele Besucher fragen uns, ob wir nicht ein Problem damit haben unsere Tiere zu schlachten, da wir ein enges Verhältnis zu ihnen haben. Für uns war von Anfang an klar: wenn wir bei der Schlachtung nicht dabei sein können, weil wir es nicht ertragen, dann können wir unsere Idee nicht umsetzen.

In der Natur geht es immer darum zu überleben; irgendwer ist immer stärker und letztendlich führt das auch dazu, dass ein Tier ein anderes Tier tötet. Was wäre, wenn wir unsere Tiere nicht schlachten würden? Wir müssten entweder die Eber von den Sauen trennen und sie dürften sich nie vermehren. Das führt bei den meisten Tieren zu schlechter Laune und Aggression. Sowohl bei den Sauen, als auch bei den Ebern. Die Alternative dazu wäre, dass wir sie nicht trennen und irgendwann unser Tierbesatz so hoch wäre, dass unser gesamtes Gelände umgewühlt wäre; die Tiere im Matsch und Dreck stehen und sich Krankheiten ausbreiten, die dann den Bestand wieder dezimieren. Tiere, die an Krankheiten zu Grunde gehen leiden länger, als bei einer sauberen Schlachtung. Beide Alternativen sind meines Erachtens zu verwerfen.

Ein Großteil der Menschen kommt zu uns, weil sie den hohen Genusswert unseres Fleisches schätzen und weil die Tiere artgerecht gehalten werden. Sowohl für unser Gewissen, die Gesundheit der Tiere, als auch für die Genussqualität ist es ausschlaggebend, dass die Tiere artgerecht gehalten werden und die Schlachtung ruhig und schnell verläuft.

Meine Mutter sagt immer „Jedes Tier lebt gleich gern“. Wir entscheiden, wer geschlachtet wird und wer leben darf. Schon allein die Entscheidung zu treffen fällt schwer. Im Endeffekt hintergehen wir das Vertrauen, das die Tiere in uns haben. Daher schulden wir den Tieren die einwandfreie Schlachtung. Der schwerste Teil, ist das Tier vom lebenden in den toten Zustand zu überbringen. Erst wenn man eine Schlachtung ein paar Mal erlebt hat, versteht man wirklich was es bedeutet, dass diese Entscheidung nicht umkehrbar ist. Aber so wie wir uns freuen, wenn wir kleine Ferkel bekommen, sind Montage, an denen wir schlachten, nicht unsere Lieblingstage. Wir sind bis zum Ende dabei. Das sind wir dem Tier schuldig und bis zum Schluss hören sie vertraute Stimmen. Wir geben dem Tier so viel Zeit wie es braucht beim Abladen und bis es im Wartebereich angekommen ist. Die Betäubung und das anschließende Ausbluten geht dann sehr schnell. Dabei muss man sagen, dass wir auch großes Glück mit dem Schlachthof in Oberkirch haben, der von der Metzgerei Müller betrieben wird, dass sie uns diese Zeit geben und unsere Tiere erst ganz zum Schluss kommen, wenn die Rush Hour des frühen Morgens vorbei ist.

So schlimm es auch klingen mag: nachdem das Leben aus den Augen der Tiere verschwunden ist, wird das Lebewesen zu einem Produkt – brühen, enthaaren, ausnehmen, zerlegen, entbeinen, verwursten. Je kleiner die Teile, desto abstrakter wird es; desto mehr verliert es die Verbindung zum lebenden Tier. Für die Wertschätzung, die das Fleisch und die verarbeiteten Produkte aber am Ende verdient haben, ist es unerlässlich diese Verbindung wieder herzustellen. Dies ist uns ein Anliegen. Deshalb verarbeiten wir auch so viel wie möglich und wir versuchen den Menschen auch Stücke vom Schwein wieder nahe zu bringen, die sie vergessen haben, wie beispielsweise Bauch oder Haxen.

Das Schlachtfest

Das Schlachten ist in der Überflussgesellschaft in der wir heute leben, kein Fest mehr. Fast jeder kann sich Fleisch leisten. Heute verzichten wir freiwillig darauf. Bis vor ca. 80 Jahren war das anders. Da war Fleisch noch ein luxuriöses Lebensmittel. Jeden Tag Fleisch zu essen konnten sich nur sehr wohlhabende Menschen leisten. Die Mittelklasse und die ärmere Bevölkerung hatte nur sehr wenig oder gar kein Fleisch zur Verfügung. Die, die es sich leisten konnten hielten sich ein, zwei Schweine im Stall, die mühevoll mit dem was die Küche abwarf, großgezogen wurden. Die Schweine wurden sehr viel älter. Das lag nicht nur an der Rasse, sondern auch daran, dass die Schweine nicht so energiereiches Futter bekommen haben. Und das wiederum war der Tatsache geschuldet, dass die Lebensmittel mit hohem Nährwert zunächst einmal die Familie ernährten und der Rest für die Schweine war. Weniger Energiezufuhr hieß langsameres Wachstum. Nach 1-2 Jahren wurden die Schweine geschlachtet. Die Schlachtung war ein Mal im Jahr und etwas ganz besonderes. Denn es hieß: der Vorratskeller wurde mit edlen Köstlichkeiten vom Schwein aufgefüllt. Die Schlachtung war wahrlich ein Fest. Schon Wochen, ja Monate vor der Schlachtung war das Fleisch im Haus ausgegangen und man freute sich auf den Nachschub. Nach der Schlachtung wurde sofort verwurstet. Alles wurde verarbeitet. Das gute Fett und das Schmalz, das heute auch weggeschmissen wird, waren wichtiger Energielieferant zu Zeiten harter körperlicher Arbeit.

Die Notwendigkeit ein Tier zu schlachten war damals also eine vollkommen andere als heute. Der Hintergrund waren Armut und Not, nicht Wohlstand und Schaulust. Die Freude, die mit dem Auffüllen der Vorratskammern entstand, kann man sich heutzutage nur noch schwer vorstellen. Heute werden viel mehr Tiere geschlachtet als wir benötigen. Ein großer Prozentsatz an Tieren und einzelnen Stücken (Füßchen, Köpfe, Ohren, etc.) werden exportiert. Warum soll es heute noch ein Fest sein ein Tier zu schlachten? Manchmal habe ich das Gefühl, je weiter der Mensch von der Schlachtung entfernt ist, desto mehr zieht es ihn hin.

Es ist wichtig, dass uns klar wird, dass ein Tier stirbt, damit wir es essen können. Und jeder Mensch sollte wenigstens Mal eine Schlachtung gesehen haben. Aber bitte in der gewohnten Schlachtstätte und nicht als Fest, wo das Tier vor versammelter Mannschaft sein Leben lässt.

Video von Miss Ellie zum Besuch im Februar

Als ich neulich bei Miss Ellie zu Besuch war, habe ich auch mal wieder ein paar Videoaufnahmen gemacht. Hier gibt’s noch ein paar mehr Infos zu den Fressmatten, dem Hoffest 2016 (bom 09.-12. September) und noch ein paar Gedanken…

Wie immer freue ich mich über Feedback oder Kommentare.

Erste Gedanken zu diesem Blog und zur Schweinepatenschaft

Als ich im Juli 2014 das erste Mal auf dem Hofgut Silva zu Besuch war und die Filmaufnahmen gemacht habe (den Bericht und Film kannst du hier im Blog auch anschauen), war ich bereits angefixt von dem Gedanken, dass ich eines Tages nicht einfach nur mal “ein Stück Fleisch” vom Hof bekomme, sondern dass da mehr drin ist. Was genau, war mir damals noch nicht so genau bewusst, aber diese Gedanken sind seither gereift und dann letzten Endes in dieses Projekt hier gemündet.

Seit unserem Umzug in Pfalz vor mittelweile neu Monaten hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Da die Telekom etwa acht Monate benötigt hat, um uns endlich unseren DSL-Anschluss bereitzustellen, war ich logischweise während dieser Zeit nicht mehr in der Lage Videos hochzuladen und Disturbed Cooking aktiv weiter zu betreiben. Interessant war allerdings, dass ich durch diese erzwungene Pause ein wenig Abstand gewonnen habe und dann auch feststellen musste, dass die Luft ohnehin raus ist. Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob ich tatsächlich noch das nächste Video veröffentlichen soll, in dem ich zeige, wie ich dieses oder jenes zubereite? Nach mittlerweile fast sechs Jahren DC hatte ich das Gefühl, dass etwas neues passieren muss (und das obwohl unsere neue Küche ja auch ihren Teil dazu hätte beitragen sollen). Als ich dann noch mehrfach auf das übelste beschimpft wurde, weil ich keine Videos mehr veröffentliche war klar, dass das so nicht mehr weitergehen kann.

Außerdem kam noch dazu (und ich hoffe, diese persönliche Entwicklung kannst du in der Chronologie bei DC gut erkennen), dass wir in den letzten drei Jahren nach und nach immer weniger Fleisch konsumiert haben und heute im Grunde genommen während der Woche gar kein Fleisch mehr essen, uns aber dafür auf das Wochenende freuen, an dem es was Besonderes gibt. Es geht hier keineswegs darum vegetarisch zu leben, sondern ich möchte einfach kein Fleisch mehr essen, von dem ich nicht weiß wo es herkommt und wie die Tiere aufgezogen, behandelt und am Ende geschlachtet wurden. Und logischweise ist es dann auch nicht damit getan, dass irgendwo Bio draufsteht.

Schließlich kommt dann noch der Punkt “Nose to tail” hinzu, der (glücklicherweise) momentan einen richtigen Boom erlebt, dass die Menschen also endlich wieder alle Teile eines Tieres verarbeiten und essen und es eben nicht immer nur Filet und Rücken sein muss. Die Wertschätzung gegenüber dem Tier wiegt meiner Meinung nach noch deutlich höher, wenn nicht nur gefühlte 10% verarbeitet, verkauft und konsumiert werden.

Als ich dann vor einigen Monaten mit einem Freund bei Steffen Schäfer, alias Der Vogelsberger zu Besuch war und wir dort mit einem Schwein in den Schlachthof gegangen sind, habe ich gemerkt, dass es sich richtig anfühlt, dabei zu sein, wenn das Schwein geschlachtet wird. Nicht dass eines Tages alle meinen, das Fleisch wächst in der Blisterpackung im Supermarkt. Und als wir dann kurze Zeit später einige Stücke von ihm genießen durften, habe ich mich einfach gefreut und mich noch einmal beim Schwein bedankt.

Und wenn ich dann last but not least über die eigene Verarbeitung verschiedener Stücke (Wurst, Schinken, usw.) nachdenke, dann liegt es natürlich nahe, dass ich für das alles eine venünftige Idee brauche. Der eigentliche Durchbruch kam dann neulich als wir auf einer längeren Wanderung waren und beim Laufen die Gedanken fließen und sich entwickeln können. Ich habe diese Idee zuerst mit meiner Frau besprochen, noch ein wenig ausformuliert und habe mich dann wieder an Judith Wohlfarth gewandt, um mit ihr zu besprechen, ob wir das gemeinsam machen können. Das Ergebnis ist dieser Blog und alles, was ab heute in den nächsten etwa zwei Jahren passieren wird. Eine Zusammenfassung dazu findest du oben im Menü Mein Schwein und ich.